Donnerstag, 12. Mai 2016

"Warum tut das so weh?" - Szenen aus dem Studioalltag


"Warum tut das so weh?"
- Von Schummel-Kursen und 500g-Hanteln


https://c1.staticflickr.com/9/8076/8422052076_b056525432.jpgJede Woche absolviere ich mit meinen Teilnehmern die verschiedensten Kursformate. Lizenzprogramme nehmen in vielen Studios mittlerweile den Großteil der Kurszeit ein.
Schade eigentlich, denn ich liebe die klassischen Freestyle-Kursformate. Leider verschwinden diese jedoch immer mehr. 
Egal, welchen Namen man dem Kind gegeben hat: Bauch-Beine-Po, Bodyworkout, Shape-Up, Style your Body..... einige Dinge haben all diese Kurse gemeinsam:

Sie lassen nämlich uns Trainern den oft notwendigen Freiraum uns um die Teilnehmer zu kümmern, auf deren Wünsche oder Bedürfnisse einzugehen und sie auch immer mal wieder mit ungewöhnlichen Ideen zu überraschen. 

Dienstags-Abends gebe ich einen dieser Kurse, Step & Shape. 5 Minuten Warm-Up, 25 Minuten Step-Aerobic, 25 Minuten Workout, 5 Minuten Cool-Down. Und die Abwechslung ist es, die viele in den Kurs zieht.

Vergangenen Dienstag wurde das Workout größtenteils mit dem Step durchgeführt. Liegestütze, Dips, vereinfachte Burpees und Upright-Rows. Upright-Rows? Ja, richtig! Step an der langen Seite greifen und los geht's. Die Dinger wiegen 7,5 kg und durch das große Format sind die Teilnehmer gezwungen die Ellbogen brav über das Step zu ziehen. Bekannte Schummeltricks sind erstmal nicht mehr möglich! Super Sache! 
Und bereits nach kurzer Zeit zeigte sich die Wirkung: Die Gesichter bekamen einen angestrengten Ausdruck, die Arme begannen nach einigen Wiederholungen leicht zu zittern.

"Warum tut das so weh?" maulte eine Teilnehmerin mit halb beleidigtem, halb belustigtem Gesichtsausdruck. "Weil's wirkt!" war meine knappe Antwort. Nach dem Kurs fand ich drei Teilnehmerinnen vor dem Studio lachend und diskutierend: "Boah, meine Arme sind voll Pudding! Was war das denn?" merkte eine an und versuchte übertrieben angestrengt ihren Ellbogen auf Schulterhöhe anzuheben. "Sonst kann ich mir ja immer die leichten Hanteln nehmen, aber das war ja jetzt fies! Step ist Step, ein leichteres gibt's nicht!" lachte die andere.
Ich beobachtete die Szene aus einigen Metern Entferung und hörte aufmerksam zu, bis mich die dritte Teilnehmerin schließlich bemerkte "Da kommt unser Quälgeist! Mädels, jetzt reißt euch zusammen!"
Ich musste laut auflachen. Die Stimmung unter den Damen war hervorragend, irgendwie waren doch alle stolz auf Ihre Leistung. Auch wenn sie beschworen, dass ich am nächsten Tag wahrscheinlich wegen Muskelkater verflucht werden würde. Doch gaben auch alle zu, dass sie normalerweise auch gerne mal zu leichteren Kurzhanteln als eigentlich notwendig greifen würden. Noch nicht einmal aus Angst, nicht durchzuhalten, sondern eher aus Bequemlichkeit. Man hätte ja trotzdem Sport gemacht.... auch wenn es nicht so anstrengend gewesen sei.

Apropos Muskelkater: Was ist das gleich noch? 
Die Meinungen gehen da ja immer noch ein wenig auseinander. War man früher größtenteils der Überzeugung, dass es sich um eine Übersäuerung der Muskeln durch einen zu hohen Laktat-Wert handele, glaubt man heute eher an die Theorie der mikroskopisch kleinen Muskelfaserrisse.
Ich kann weder der einen noch der anderen Studie wirklich zu 100% glauben. Ist ja auch immer noch die Frage, wer die Studio finanziert hat und mit welchem Interesse. Ich bin für mich mittlerweile zu der Meinung (ACHTUNG: Meine Meinung, ich beziehe mich jetzt hier nicht auf wissenschaftliche Belege), dass es sich beim Muskelkater nach dem Krafttraining tatsächlich um die besagten Muskelfaserrisse handelt und bei Muskelkater nach ausgiebigem Ausdauertraining eher um die Übersäuerung. Also je nach Trainingsart eine Mischform aus beidem. Diese Meinung rührt einfach daher, dass alle Studien, die ich dazu gelesen habe, irgendwie nicht überzeugend waren. Jede hatte starke Argumente, aber eben auch Schwachstellen.

Aber gehen wir mal vom Muskelkater nach Muskelfaserrissen aus: Was passiert? Wie im letzten Blog zum Thema Superkompensation bereits beschrieben, "repariert" der Körper in der Regenerationszeit diese Risse über das normale Maß hinaus, um für eine erneute Überanspruchung gewappnet zu sein. 

Was heißt das im Umkehrschluss für unser Training? Wenn's nicht weh tut, bringt es auch nichts! NO PAIN, NO GAIN, wie die Bodybuilder so schön sagen. Aber hey, ich meine damit den mäßigen, gut aushaltbaren Muskelkater und nicht, dass ihr 3 Tage lang keine Treppe mehr rauf und runter kommt!

Was machen die Mädels in meinem Kurs mit ihren (zu) leichten Hanteln? Sie vermitteln dem Körper den Eindruck, dass seine Konstitution vollkommen ausreichend ist. 
Mein Lieblingsspruch: EUER KÖRPER IST NICHT DOOF! 
Der denkt sich nämlich mal wieder: "Hey, wieso sollte ich jetzt Energie investieren, wenn ich doch mit meiner derzeitigen Leistung prima hinkomme!"

Also noch mal zusammenfassend: 
Wenn es nicht zwickt, brennt, weh tut, dann bringt es auch nichts. Dann passiert mit eurer Muskulatur nämlich gar nichts. 
Genießt den Muskelkater: Es ist ein Zeichen dafür, dass euer Körper gearbeitet hat. 
Hattet ihr schon mal schönen heftigen Muskelkater im Bauch? Wie ich finde, ein geiles Gefühl. Alles ist direkt fester, die Haltung aufrechter und man fühlt sich, als hätte man ein Korsett an, das den ganzen Körper gerade hält.
So muss es doch sein?

Ok, wenn ihr also das nächste Mal euren Trainer verfluchen wollt, entscheidet euch doch vielleicht eher mal für eine kurze WhatsApp a la "Gutes Training!" Was meint ihr?
 

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